Terror-Gedenken und Terror-Verarbeitung in der Netflix-Dokumentation Novembre 13. Fluctuat Nec Mergitur
Am heutigen 13. November jähren sich die Pariser Terroranschläge zum zehnten Mal – jene Nacht des Grauens, die Frankreich und mit ihm die ganze Welt in ihrem Selbstverständnis erschütterte. Am Abend jenes unheilvollen Freitag, den 13. traf die ungeheuerliche Gewalt an gleich mehreren Orten ins Herz des Pariser Lebens: vor dem Stade de France, in dem ein Freundschaftsspiel der Französischen und der Deutschen Nationalmannschaften ausgetragen wurde, in sechs Bars und Cafés, und schließlich im Bataclan-Theater, wo das Konzert der US-amerikanischen Band Eagles of Death Metal abrupt in ein Blutbad mündete. Ziel der Anschläge war nicht eine bestimmte Institution, sondern das westliche Lebensgefühl selbst – das Miteinander, die Leichtigkeit, die Freude am öffentlichen Raum, an Sport, Musik, Freundschaft und Geselligkeit.
Zehn Jahre danach, nach unzähligen Berichten, Erinnerungen und künstlerischen Verarbeitungen des kollektiven Traumas, ist dieser heutige Jahrestag mehr als nur ein Moment des Gedenkens: Er ist eine Gelegenheit, das Nachleben des Ereignisses in unserer medialen Kultur zu betrachten. Die Medien erstatten erneut Bericht über die damaligen Anschläge (exemplarisch: Le Monde und Deutschlandfunk), verschiedene Produktionen, von Nachrichtensendungen bis hin zu neuen Dokumentationen (zum Beispiel: Daniel Psennys und Franck Zahlers Vendredi noir und die ARD-Doku Terror. Fußball. Paris 2015), rufen die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven ins Bewusstsein zurück – und zeigen zugleich, wie sehr die Formen der Erinnerung selbst Teil der Verarbeitung geworden sind.
Eine der frühen filmischen Annäherungen stellt die dreiteilige Netflix-Dokumentation Novembre 13. Fluctuat Nec Mergitur dar, realisiert von den Brüdern Gédéon und Jules Naudet. Abrufbar ab dem 1. Juni 2018, also noch in relativer Nähe zum Geschehen, lässt die Produktion eine Vielzahl von Menschen zu Wort kommen, deren Erinnerungen noch relativ unmittelbar, ungeschliffen und unverstellt sind. Stadionpersonal, Restaurantbesitzer, Polizisten, Ärzte, Feuerwehrleute, Überlebende des Bataclan, Anwohner und Politiker – sie alle finden eine Stimme. So entsteht ein kaleidoskopartiges Zeugnis, das versucht, der Komplexität des Erlebten gerecht zu werden.
Die Serie folgt dem Ablauf der Nacht: vom Stade de France (erstes Viertel von Episode 1) über die Pariser Bars (Rest von Episode 1) bis zum Bataclan (Episoden 2 und 3). In dieser Struktur spiegelt sich eine Form von Serialität, die – in beinahe unheimlicher Weise – das Motiv des Serienmords medial fortsetzt. Durch ihre Länge erlaubt die Serie eine Vielzahl von Perspektiven (bis auf die der Attentäter und Hintermänner), deren polyphones Geflecht die Monstrosität der Ereignisse fassbar macht. Visuelle Orientierung verschafft das Werk durch wiederkehrende kartographische Darstellungen, die Tatorte und Bewegungen auf Stadt- und Gebäudeplänen markieren – ein Versuch, dem Unfassbaren durch das Dokumentarische Raum und Ordnung zu verleihen.
Drei Aspekte sind in Novembre 13. Fluctuat Nec Meritur besonders hervorzuheben: Strukturierung, Metaphorik und Sinnenregimes.
Strukturierung: Zum einen arbeitet die Dokumentation mit einer wiederkehrenden Parallelführung zwischen (westlicher) Lebensfreude und terroristischer Zerstörung: das Lachen in den Bars, das Stadionjubeln – und dann die Schüsse. Jean-Luc, ein Anwohner der Bar La Belle Équipe, erinnert sich im Interview unmittelbar nach dem Anschlag an ein Schild mit der Aufschrift Heures Heureuses, „Happy Hour“, blutüberströmt am Boden. In dieser bitteren Gegenüberstellung von Feier und Gewalt zeigt sich der Versuch, durch narrative Strukturierung die Ordnung in der erlebten Situation wieder zu etablieren – als Voraussetzung, das durch das Ereignis verursachte Chaos überhaupt verarbeiten zu können.
Metaphorik: Zum anderen ist die Berichterstattung über den Terror von Metaphorik durchzogen. Dominant sind die Wortfelder des „Bösen“ und der „(Natur-)Katastrophe“. Häufig wird, wie so oft in Krisenzeiten, auf das Vokabular des Krieges zurückgegriffen. „Là, c’est la guerre. On est en train de vivre une scène de guerre en plein Paris en 2015“ (Deutsch: „Es herrscht Krieg. Wir erleben gerade eine Kriegsszene mitten in Paris im Jahr 2015“), sagt Jimmy, ein Feuerwehrmann, der die Terrasse des La Belle Équipe beschreibt. Die Metapher versucht, das Unsagbare auf etwas Vertrautes zu beziehen – ein sprachlicher Rettungsversuch angesichts des Ungeheuren.
Sinnenregimes: Schließlich eröffnet die Serie ein eindrucksvolles Panorama der sinnlichen Wahrnehmung: der Lärm, die Stille, der Rauch, das Flackern der Blaulichter. Immer wieder wird das Akustische hervorgehoben – das gleichzeitige Schreien und das Schweigen, das für ein traumatisches Erleben spricht: „Je sors dans la rue. Là, c’est hallucinant. Il y a les gens qui courent dans tous les sens, qui s’enfuient. Des hurlements, des cris… et en même temps, une espèce de silence. Des cris et en même temps, plus de son. C’est étrange“ (Deutsch: „Ich gehe auf die Straße hinaus. Dort ist es unglaublich. Die Menschen rennen in alle Richtungen, sie fliehen. Gebrüll, Schreie … und gleichzeitig eine Art Stille. Schreie und gleichzeitig kein einziges Geräusch. Es ist seltsam“), berichtet ein Anwohner. Ein weiteres topisches Detail der Geräuschkulisse: die klingelnden Handys der Opfer, die zu einem schmerzhaft bekannten Symbol geworden sind. Diese akustische Dimension des Terrors, das Schwanken zwischen Überreiztheit und Verstummen, gibt der Serie einen Realismus-Effekt, der die Zuschauerinnen und Zuschauer emotional in das Geschehen hineinzieht, ohne Sensation zu erzeugen.
Zehn Jahre nach den Anschlägen bleibt Novembre 13. Fluctuat Nec Mergitur ein Dokument der relativen Unmittelbarkeit – ein Versuch, das Unfassbare in Formen des audiovisuellen Erzählens und Erinnerns zu bannen. Der Wahlspruch von Paris, Fluctuat nec mergitur – „Sie schwankt, aber sie geht nicht unter“ – steht sinnbildlich für die französische und zugleich universelle Erfahrung dieser Nacht: erschüttert, aber nicht zerstört. Die Erinnerung an die Opfer bleibt eine Verpflichtung – und eine Mahnung an unser aller Wachsamkeit gegenüber sämtlichen radikalen Kräften, die das Leben selbst ins Visier nehmen.
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