Zwischen Körpern und Seelen: Tod, Begehren und Identität in „Alma“

5–8 Minuten

lesen

Die spanische Netflix-Serie Alma – im internationalen Titel auch The Girl in the Mirror – ist eine übernatürliche Thriller-Serie von Sergio G. Sánchez, die seit 2022 auf Netflix verfügbar ist und neun Folgen umfasst. Schon der Titel trägt das zentrale Motiv in sich: „Alma“ bedeutet auf Deutsch „Seele“. Und genau darum kreist diese Serie mit einer Konsequenz, die sie weit über das übliche Mystery-Format hinaushebt. Denn Alma erzählt nicht einfach eine Geschichte über einen Busunfall einer Abschlussklasse, Geistererscheinungen und dunkle asturische Legenden. Die Serie fragt viel radikaler: Was bleibt von einem Menschen, wenn Erinnerung, Körper und Begehren nicht mehr eindeutig zusammengehören?

Bereits die erste Folge setzt dafür den Ton. Die Klassenfahrt ins Gebirge, das Flaschendrehen, die unterschwelligen Spannungen, die Nacht der Zeitumstellung – all das wirkt zunächst wie jugendliches Serieninventar, bis sich im Nebel etwas öffnet. Der Unfall des Busses ist dabei nicht nur eine Katastrophe, sondern eine Schwelle. In Alma ist der Tod kein abgeschlossener Zustand, sondern ein poröser Raum. Die Toten verschwinden nicht einfach, sondern bleiben in Licht, Geräuschen, Schatten, Körpern, Erinnerungen. Sie sind da, ohne da zu sein. Die Serie entwirft damit eine Welt, in der die Grenze zwischen Leben und Tod nicht fest verläuft, sondern durchlässig wird. Gerade das macht ihren Horror so wirksam: Nicht das Monster ist das Unheimliche, sondern die Möglichkeit, dass niemand je wirklich ganz verschwindet.

Besonders eindrücklich wird das an Almas Erwachen im Krankenhaus. Ihr Gesicht ist entstellt, ihr Blick instabil, ihr Gedächtnis ausgelöscht. Sie erkennt ihre Eltern nicht, erkennt sich selbst nicht, sieht Schimmer, Doppelungen. Dieser Moment ist weit mehr als ein klassisches Amnesie-Motiv. Alma inszeniert Identität von Beginn an als etwas Fragiles, etwas, das nicht einfach „da“ ist, sondern immer wieder hergestellt werden muss – durch Spiegel, durch Erzählungen anderer, durch Objekte, durch Erinnerungsfetzen. Das Zuhause, in das Alma zurückkehrt, ist nicht tröstlich, sondern fremd. Das eigene Leben erscheint ihr wie das Archiv einer anderen Person.

Gerade darin liegt eine der spannendsten Dimensionen der Serie: Identität wird nicht als innerer Kern gedacht, sondern als etwas Serielles. Alma ist nicht einfach „eine“, sondern zusammengesetzt aus Wiederholungen, Überschreibungen, Doppelungen. Schon bevor die Serie ihre übernatürlichen Mechanismen offenlegt, arbeitet sie mit diesem Prinzip. Alma ist die Zwillingsschwester von Lara, die vor dem Unfall an einem Gehirntumor gestorben ist. Sie lebt in deren Nachgeschichte, in deren Verlust, vielleicht sogar in deren Schatten. Später wird diese Logik radikalisiert: Seelen wandern, Körper werden besetzt, Erinnerungen überschneiden sich, und die Frage „Wer bist du?“ wird zur eigentlichen Leitfrage der Serie. Nicht zufällig taucht sie immer wieder variierend auf. Alma erzählt Identität nicht als Besitz, sondern als prekäre Bewohnbarkeit.

Dass der Körper dabei zum umkämpften Ort wird, ist vielleicht die verstörendste und zugleich klügste Entscheidung der Serie. Wer in Alma einen Körper hat, besitzt ihn nicht unbedingt auch. Der Körper ist Hülle, Durchgang, Projektionsfläche. Er trägt Narben, Flecken, Verletzungen, fremde Stimmen, fremde Erinnerungen. Er ist nie bloß „ich“. Gerade dadurch entwickelt die Serie eine bemerkenswerte Nähe zu queeren Theorien von Identität, ohne diese explizit auszustellen. Denn auch dort wird das Selbst nicht als naturgegeben, kohärent und stabil verstanden, sondern als etwas, das sich in Relationen, Zuschreibungen und Brüchen bildet.

Deutlich ist das in der Beziehung zwischen Alma und Deva. Lange bevor die Serie ihren zentralen Twist offenlegt, ist zwischen beiden eine Spannung spürbar, die mehr ist als bloße Freundschaft. Sie teilen Erinnerungsorte, Rituale, ein Tattoo, ein Geheimnis. Vor allem aber teilen sie eine Form emotionaler Intensität, die sich dem einfachen Benennen entzieht. Alma ist hier klug genug, queeres Begehren nicht als dekorativen Nebenstrang zu behandeln, sondern als etwas, das tief in ihre Struktur eingeschrieben ist. Devas Liebe zu Alma, Almas uneindeutige Absage, die Eifersucht, das Schweigen, die Verschiebung hin zu Tom – all das ist nicht nur Liebesdrama, sondern Teil jener Identitätsverwerfungen, die die Serie verhandelt.

Gerade deshalb ist es so aufschlussreich, dass queere Sexualität in Alma nicht über eindeutige Selbstdefinitionen verhandelt wird, sondern über Nähe, Verfehlung und Verschiebung. Das Begehren ist da, aber es findet oft keinen klaren Ort. Es ist unterbrochen von Trauer, Schuld, Angst und Nicht-Wissen. Wenn Deva Alma ihre Liebe gesteht und diese Erfahrung später in den komplizierten Körpertausch eingeschrieben wird, verschiebt sich die Frage nach Begehren noch einmal: Wen liebt man eigentlich – eine Seele, einen Körper, eine Erinnerung? Und was passiert, wenn diese Ebenen nicht mehr deckungsgleich sind?

Die Serie treibt diese Frage auf die Spitze, als Deva in Almas Körper lebt. Zugleich bleibt Alma eine Serie über Schuld. Vielleicht ist das ihr eigentlicher emotionaler Kern. Denn hinter den Schattenwesen, Legenden und Ritualen liegt immer wieder die Frage: Wie lebt man weiter, wenn man jemanden verloren hat – oder wenn man selbst am Tod eines geliebten Menschen beteiligt war? Der wohl schmerzlichste Aspekt der Serie ist Almas Beziehung zu Lara. Lara ist nicht einfach die tote Schwester, sondern eine Figur, die den Tod bereits vor ihrem eigentlichen Sterben bewohnt. Ihre Krankheit, ihre Gespräche über das Jenseits, ihre Suche nach dem Hexaspeculum, ihr Wunsch, das Schicksal vielleicht doch noch zu verändern – all das macht sie zu einer Figur, die schon vor ihrem Tod zwischen den Welten lebt.

Besonders erschütternd ist dabei die Enthüllung, dass Alma Lara beim Sterben geholfen hat. Diese Szene verschiebt den gesamten Blick auf die Serie. Der Tod ist dann nicht nur Schicksal oder übernatürliche Gewalt, sondern auch Fürsorge, Entscheidung, Liebe, Schuld. Alma berührt hier ein ethisch hoch aufgeladenes Feld, ohne es plakativ auszubuchstabieren. Der Tod erscheint nicht nur als Verlust, sondern auch als Beziehungsgeschehen. Lara stirbt nicht einfach – sie wird losgelassen. Und Alma bleibt zurück mit einer Schuld, die sich nicht auflösen lässt, weil sie zugleich aus Zärtlichkeit entstanden ist.

Gerade deshalb ist Alma auch eine Serie über das Scheitern von Abschieden. Niemand in dieser Geschichte kann richtig loslassen. Die Toten bleiben. Die Lebenden bleiben an den Toten hängen. Erinnerungen werden konserviert in Fotos, Wollfäden, Baumhäusern, Dosen-Telefonen, Videos. Die rote Wolle ist dafür ein besonders starkes Bild: Sie verbindet, führt, spannt, verheddert. Sie ist Erinnerung als materielle Spur, aber auch als Fessel. In Alma bedeutet Lieben oft, nicht aufhören zu können, gebunden zu sein – an einen Menschen, an eine Version von sich selbst, an ein Geschehen, das nicht vergangen ist.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Serie trotz mancher erzählerischer Überfrachtung so nachhallt. Ja, Alma will sehr viel: Jugenddrama, Folk Horror, Mystery, Metaphysik, Familiengeheimnis, Körperhorror, queere Sehnsucht, Totenreich. Manchmal ist das fast zu viel. Manche Wendungen sind überkomplex, manche Mythologie wirkt unnötig verschachtelt. Aber selbst dort, wo die Serie narrativ ausufert, bleibt ihr emotionales Zentrum erstaunlich klar: Es geht um Menschen, die nicht mehr sicher wissen, wer sie sind, weil Verlust sie verändert hat.

Alma ist damit letztlich weniger eine klassische Mystery-Serie als ein melancholischer Totentext über das Weiterleben. Über jene Zustände, in denen man zwar noch da ist, aber sich selbst nicht mehr ganz gehört. Über die Erfahrung, dass Identität nicht stabil ist, sondern sich aus anderen zusammensetzt – aus Toten, Geliebten, Erinnerungen, Wünschen. Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Serie: dass sie „Seele“ nicht als innerstes, wahres Selbst denkt, sondern als etwas, das immer schon mit anderen verstrickt ist.

Am Ende bleibt Alma deshalb vor allem als Serie über Zwischenzustände in Erinnerung: zwischen Leben und Tod, zwischen Ich und Anderen, zwischen Freundschaft und Begehren, zwischen Körper und Seele. Genau dort ist sie am stärksten. Im Nebel. Im Schimmern. In dem Moment, in dem man nicht mehr sicher sagen kann, wer da eigentlich vor einem steht – oder in einem selbst lebt.

Hinterlasse einen Kommentar