Mit der von einem Frauentrio, Francesca Manieri, Laura Paolucci und Tiziana Triana, kreierten Serie Luna Nera hat Netflix 2020 ein Fantasy-Abenteuer veröffentlicht, das im Italien des 17. Jahrhunderts angesiedelt ist und das Thema der Hexenverfolgung aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Besonders spannend ist dabei der Fokus auf die Rolle von Frauen in patriarchalischen Strukturen: Die Hexen, angeführt von Tebe, zu denen die junge Hauptfigur Ade im Handlungsverlauf stößt, stehen für Selbstbestimmung und Solidarität unter Frauen, werden aber von der männlich dominierten Gesellschaft, vertreten durch die Benandanti, gejagt. Das Bild ist deutlich: Unabhängige Frauen, die jenseits traditioneller Geschlechterrollen leben, werden als Bedrohung wahrgenommen – ein Motiv, das sich durch die gesamte Serie zieht.
Ade selbst gerät gleich zu Beginn unter Verdacht, als unmittelbar nach ihrer unheilvollen Vision ein neugeborenes Kind tatsächlich stirbt, und wird von der Gesellschaft als Sündenbock betrachtet. Ihre Großmutter, die zuständige Hebamme, wird als Hexe hingerichtet, während Pietro, Sohn des Anführers der Benandanti, vergeblich versucht, die rationale Wahrheit zu beweisen. Besonders interessant ist die Figur Cesaria, die als Mitglied der Benandanti, also Teil der männlich dominierten Ordnung eine ambivalente Rolle spielt und zeigt, dass selbst Frauen die patriarchalen Strukturen reproduzieren können.
Trotz dieser überzeugenden Genderperspektive bleibt das Fantasy-Repertoire der Serie stark im Mainstream verankert. Viele Elemente wirken vertraut: das Zauberbuch, der magisch manipulierte Schlüssel, versteckte Zufluchtsorte, die Visionen der jungen Hexe, sowie die romantische Verbindung zwischen Ade und Pietro. Die Liebesgeschichte folgt weitgehend vorhersehbaren Pfaden: Pietro will Ade beschützen, Ade ist hin- und hergerissen, Pietro zweifelt ob ihrer magischen Fähigkeiten und den Hexenbeschuldigungen des Vaters und das Ende droht regelmäßig mit einer emotionalen Krise. Auch die Figur der Kardinals Marzio Oreggi tritt als klassische ‚böse Macht‘ auf, deren narrative Motivation weitgehend in typischer Antagonisten-Logik liegt.
Die Serie glänzt jedoch in ihrer Darstellung der Solidarität unter Frauen. Ade wird Teil einer Gemeinschaft, die Verletzungen, Verluste und Verfolgung teilt, und lernt, die Stimmen anderer Hexen zu hören und deren Schicksale zu verstehen. Diese kollektive Stärke wird stark kontrastiert mit der rigiden, männlich dominierten Ordnung der Benandanti. Die narrative Betonung, dass das individuelle Schicksal der Frauen untrennbar mit der Geschichte der Verfolgten verbunden ist, verleiht der Serie einen klaren feministischen Unterton.
Kritisch betrachtet, bleibt Luna Nera in Bezug auf die Fantasy-Innovationen jedoch konservativ. Magisches Handeln, Artefakte und Konflikte folgen bekannten Mustern, und einige Wendungen – wie die Enthüllung von Ades Bruder Valente als in Wirklichkeit weiblicher ‚Auserwählter‘ – wirken dramaturgisch kalkuliert, ohne die Welt wesentlich neu zu definieren. Dennoch gelingt es der Serie, durch das italienische Setting, die düstere Atmosphäre und das weibliche Empowerment einen eigenständigen Reiz zu entwickeln.
Insgesamt ist Luna Nera eine solide, wenn auch nicht originelle Fantasy-Serie, deren Stärke klar im Genderaspekt liegt. Sie erinnert daran, dass die Geschichten über Hexenverfolgung noch lange relevant bleiben – nicht nur als historisches Motiv, sondern als Metapher für die strukturelle Bedrohung weiblicher Selbstbestimmung. Wer also Interesse an einer Mischung aus feministischer Botschaft, historischer Atmosphäre und klassischer Fantasy hat, findet hier eine spannende, wenn auch etwas vertraute Welt.
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