Mord als Vorspiel: Die abgründige Erotik von Les papillons noirs oder Warum diese französische Miniserie eine der ungewöhnlichsten Krimis der letzten Jahre ist

3–5 Minuten

lesen

Mit Les papillons noirs hat Olivier Abbou 2022 eine Krimiserie geschaffen, die sich konsequent jeder eindeutigen Einordnung entzieht. Die Serie ist Serienmördergeschichte, Liebesdrama, Psychothriller und nostalgischer 70er-Jahre-Trip zugleich. Insbesondere aber ist sie eine Serie über das Erzählen selbst – über Erinnerungen, Selbstinszenierungen und die Frage, ob man einer Geschichte überhaupt trauen kann.

Im Zentrum steht der todkranke Albert Desiderio, der den erfolglosen Schriftsteller Adrien Vinclair engagiert, um seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Diese Geschichte beginnt für Albert nicht mit seiner Kindheit oder seiner Familie. „Tout a commencé avec Solange“ – „Alles begann mit Solange“, sagt er. Schon darin liegt ein wichtiger Schlüssel der Serie: Für Albert existiert außerhalb dieser obsessiven Liebesbeziehung kaum etwas. Seine gesamte Identität scheint an Solange gebunden zu sein.

Die Rückblenden führen in die 1970er Jahre – an Seen, Strände und Campingplätze Südfrankreichs. Dort entwickelt sich aus einer jugendlichen Außenseiterromanze eine mörderische Dynamik. Solange und Albert töten Männer, häufig nach explizit provozierten sexuellen Grenzüberschreitungen oder Übergriffen auf Solange. Das Verstörende daran ist nicht nur die Gewalt selbst, sondern ihre Verbindung mit Erotik: Der mörderische Akt wird zum Vorspiel des Liebesakts. Seriell folgt immer wieder auf die Tötung unmittelbare sexuelle Intimität. Gewalt und Liebe verschmelzen zu einem einzigen Ritual.

Gerade dadurch wird die Serialität des Serienmords in der Serie so bemerkenswert dargestellt. Die Morde folgen keinem klassischen Thriller-Schema, in dem der Täter bloß nach Perfektion oder Kontrolle strebt. Stattdessen wirken sie beinahe wie eine toxische Paartherapie. Jede Tötung stabilisiert kurzfristig die Beziehung zwischen Albert und Solange. Die Morde werden zu wiederkehrenden Ritualen ihrer Liebe: Sommer für Sommer, Urlaub für Urlaub. Die Serie zeigt diese seriellen Wiederholungen fast montageartig: neue Orte, neue Musik, neue Outfits, neue Opfer. Immer dieselbe Dynamik aus Verführung, Gewalt und anschließendem Sex.

Dabei entsteht ein irritierender Kontrast zwischen Inhalt und Ästhetik. Denn Les papillons noirs inszeniert seine Gewalt nicht in düsteren Industriegebieten oder regnerischen Großstädten, sondern unter mediterraner Sonne. Die Serie badet regelrecht in der nostalgischen Ästhetik der 1970er Jahre: schrille Hemden, Motorradfahrten an der Côte d’Azur, verrauchte Bars, psychedelische Musik und warme Farbtöne. Diese stilisierte Leichtigkeit kollidiert permanent mit den menschlichen Abgründen der Handlung. Gerade dadurch entfaltet die Serie ihre eigentümliche Wirkung. Die Gewalt erscheint nie losgelöst von Schönheit, Erotik und Nostalgie.

Besonders faszinierend ist dabei die Figur Solange. Zunächst scheint Albert der dominante Erzähler ihrer gemeinsamen Geschichte zu sein. Doch je weiter die Serie voranschreitet, desto stärker entstehen Zweifel an seiner Version der Ereignisse. Albert präsentiert sich häufig als Getriebener, als jemand, der aus Liebe handelt oder Solange beschützen will. Gleichzeitig verschweigt er vieles, widerspricht sich und stilisiert die gemeinsame Vergangenheit literarisch aus. Damit wird er zum klassischen unzuverlässigen Erzähler.

Die Serie spielt meisterhaft mit dieser Unsicherheit. Immer wieder fragt man sich: Was ist tatsächlich passiert? Wer hat wen manipuliert? Wer war eigentlich die treibende Kraft hinter den Morden?

Die Auflösung der letzten Folgen erschüttert schließlich die gesamte Erzählung. Adrien erkennt nach und nach, dass Alberts Version der Geschichte nicht stimmt. Nicht Albert war der eigentliche Motor der Gewalt, sondern Solange selbst. Albert hat die Geschichte so erzählt, dass er ihre Schuld teilweise übernimmt, vielleicht aus Liebe, vielleicht aus Schuldgefühl, vielleicht auch, weil er sein eigenes Leben nur als Teil dieser Beziehung begreifen kann. Dadurch kippt die gesamte Serie rückwirkend in ein anderes Licht.

Besonders stark zeigt sich dieses Spiel mit Wahrheit und Fiktion in der Rahmenhandlung um Adrien. Während er Alberts Geschichte niederschreibt, beginnt er zunehmend selbst die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Seine Beziehung zerbricht, seine Identität gerät ins Wanken, Erinnerungen an seine Kindheit brechen hervor. Schließlich entpuppt er sich als Sohn von Albert und Solange – beziehungsweise als Sohn jener mörderischen Beziehung, die er literarisch rekonstruiert. Dadurch wird das Schreiben selbst zum fatalen Erbe. Adrien erkennt am Ende, dass er nicht nur Autor dieser Geschichte ist, sondern Teil von ihr.

Sehr clever ist dabei, dass die Serie selbst nach ihrer Auflösung eine Restunsicherheit bewahrt. Zwar deutet vieles darauf hin, dass Solange die eigentliche Täterin war, doch absolute Gewissheit gibt es nie. Die Serie verweigert bewusst eine klare Wahrheit. Erinnerung, Erzählung und Identität verschwimmen permanent ineinander.

Die schwarzen Schmetterlinge, die immer wieder auftauchen, werden dabei zum zentralen Symbol: für Verwandlung, Tod, Erinnerung und die Weitergabe von Traumata über Generationen hinweg – eine kreative Variante des Butterfly Effects. Fast jede Figur trägt Spuren der Gewalt in sich. Die Serie verbindet diese psychologischen Abgründe mit Motiven wie Epigenetik, Familiengeschichte und verdrängter Erinnerung.

Gerade deshalb bleibt Les papillons noirs so nachhaltig im Gedächtnis. Die Serie ist weit mehr als ein Krimi über ein Serienmörderpaar. Sie erzählt von Liebe als gegenseitiger Abhängigkeit, von toxischer Verschmelzung und von Geschichten, die Menschen sich selbst erzählen, um mit ihrer Vergangenheit leben zu können. Zwischen südfranzösischer Sommernostalgie, grotesker Erotik und brutaler Gewalt entsteht so eine der eigenwilligsten europäischen Serienproduktionen der letzten Jahre.

Hinterlasse einen Kommentar