Die französische Netflix-Serie Les sept vies de Léa (2022) beginnt wie ein klassischer Krimi: Eine lebensmüde Jugendliche findet zufällig ein Skelett am Flussufer. Schnell wird klar, dass es sich um den seit 30 Jahren verschwundenen Ismaël handelt. Doch die Serie bleibt nicht bei der Frage „Wer hat ihn getötet?“. Stattdessen verwandelt sie den Mordfall in ein ungewöhnliches Zeitreise-Puzzle, das den Krimi mit Mystery-, Coming-of-Age- und Dramaelementen verbindet.
Diese Originalität macht die Serie zu etwas Besonderem. Der Mord ist zwar der Ausgangspunkt der Handlung, doch die Ermittlungen funktionieren vollkommen anders als in typischen Krimiserien. Léa schläft im Jahr 2021 an sieben aufeinanderfolgenden Tagen ein – und wacht jedes Mal im Körper eines anderen Jugendlichen aus dem Jahr 1991 auf. Dadurch erlebt sie diese sieben Tage immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven. Einmal ist sie Ismaël selbst, dann ihre jugendliche Mutter Karine, später der Sohn des Plantagenbesitzers Pye (Pierre-Yves), die Schulkameradin Sandra, die Schallplattenhändlerin Patricia oder ihr jugendlicher Vater Stéphane. Jede neue Perspektive bringt weitere Puzzleteile ans Licht, gleichzeitig entstehen aber neue Fragen und Widersprüche.
Die Serie schafft es dadurch, Informationen narrativ extrem spannend zu vermitteln. Das Publikum weiß nie mehr als Léa selbst. Jede Folge verändert die Wahrnehmung der vorherigen Ereignisse. Figuren, die zunächst verdächtig wirken, erscheinen plötzlich verletzlich. Andere Charaktere, die zuerst harmlos wirken, verbergen Geheimnisse. Durch die Zeit- und Körperwechsel entsteht ein faszinierendes Netz aus Halbwahrheiten, verdrängten Erinnerungen und Missverständnissen. Besonders gelungen ist dabei, dass die Serie nie nur nach einem Täter sucht, sondern zeigt, wie Schuld, Angst und Schweigen über Jahrzehnte weiterwirken.
Die Serie lebt zugleich stark vom Kontrast zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wenn Léa im Jahr 1991 landet, wirkt die Welt sofort anders: Kassetten statt Smartphones, Mofas statt Social Media, verrauchte Jugendzimmer, Rockmusik und eine völlig andere Jugendsprache. Auch die Mode der frühen 1990er spielt eine wichtige Rolle – Basecaps, auffällige Muster und die gesamte Ästhetik der damaligen Zeit erzeugen eine nostalgische Atmosphäre. Die Serie romantisiert die Vergangenheit aber nicht. Stattdessen zeigt sie, wie unterschiedlich Jugendliche damals mit Problemen umgehen mussten, weil viele Themen noch stärker tabuisiert waren als heute.
Denn unter der Mystery- und Krimihandlung behandelt die Serie auch viele schwierige Themen. Fast alle Jugendlichen kämpfen mit Identitätskrisen, Zukunftsängsten oder familiärem Druck. Léa selbst fühlt sich zu Beginn verloren und isoliert, konsumiert Drogen und denkt sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Stéphane leidet unter seiner unterdrückten Homosexualität und der Angst, nicht er selbst sein zu dürfen. Sandra kämpft mit einer ungewollten Schwangerschaft, Patricia mit Gewalt in der Beziehung und Schuldgefühlen, Ismaël mit Einsamkeit und dem Gefühl, keinen Platz in der Zukunft zu haben. Dadurch wird der Krimi emotional viel tiefgründiger, als man zunächst erwartet.
Besonders beeindruckend ist außerdem, wie sehr sich die Figuren im Laufe der Serie verändern. Anfangs wirken viele Charaktere stereotypisch: der reiche Sohn des Plantagenbesitzers, das zickige beliebte Mädchen, die Rock-Rebellin oder der geheimnisvolle sensible Außenseiter. Doch je öfter Léa in ihre Körper schlüpft, desto menschlicher und komplexer werden sie. Die Serie zwingt die Zuschauerinnen und Zuschauer geradezu dazu, jede Figur neu zu bewerten.
Am Ende ist Les sept vies de Léa deshalb weit mehr als nur ein Krimi über einen ungeklärten Todesfall. Die Serie verbindet Zeitreise, Krimi und Jugenddrama zu einer ungewöhnlichen Geschichte über Erinnerung, Schuld, Liebe und Selbstfindung. Gerade weil jede Folge neue Perspektiven eröffnet und gleichzeitig neue Rätsel schafft, bleibt die Handlung bis zum Schluss spannend. Die Serie zeigt, dass hinter einem Mord oft nicht nur ein einzelner Täter steht, sondern ein ganzes Geflecht aus Geheimnissen, Ängsten und unerfüllten Sehnsüchten.
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