Was hättest du getan, wenn du mit 17 Jahren plötzlich 17 Millionen Euro im Lotto gewonnen hättest? Villa kaufen? Sportwagen? Luxusurlaub? Party ohne Ende? Für David, Jess, Samia und Léo aus der einfachen Marseiller Mittelschicht klingt das tatsächlich nach dem perfekten Plan. Doch in Young Millionaires ist der Weg zum großen Geld erstaunlich lang – und vor allem erstaunlich kompliziert.
Die französische Serie von Igor Gotesman, Olivia Barlier und Tania Gotesman beginnt denn auch mit einem kleinen Vorgeschmack auf das Millionärsleben: Die vier sitzen auf der Terrasse eines Marseiller Luxusrestaurants, genießen das schöne Leben und bekommen plötzlich eine Nachricht, die sie allesamt ins Gefängnis bringen könnte. Schnitt. Drei Monate zurück. Und damit beginnt eine ziemlich verrückte Reise zum eigenen Lottogewinn.
Die vier könnten unterschiedlicher kaum sein: David ist der impulsive Draufgänger und Möchtegern-Rapper, der meistens irgendeinen Plan hat – und damit nicht selten das nächste Problem produziert. Jess ist selbstbewusst, glamourös und ziemlich ‚barbiehaft‘, gleichzeitig aber emotionaler, als ihre Fassade vermuten lässt. Samia ist die sportliche Fußballerin mit großen (sehr bald zerplatzenden) Profikarriere-Träumen. Und Léo wirkt zunächst eher zurückhaltend, ist aber mindestens genauso anfällig für Chaos, vor allem, wenn amouröse Gefühle ins Spiel kommen.
Ihr gemeinsamer Glücksmoment ist schnell erzählt: Die vier Freunde haben gemeinsam die richtige Zahlenkombination getippt. Jackpot! 17 Mio.! Das Problem: Sie sind minderjährig. Und sie brauchen einen Erwachsenen, der für sie den Lottoschein einlöst.
Und genau hier macht die Serie aus einem Glücksfall eine aberwitzige Schnitzeljagd. Der Schein landet ausgerechnet bei ihrem Lehrer Pivot, der wenig später in ihrem Beisein von einem Auto überfahren wird – erst beinahe, dann richtig. Was folgt, ist eine irrwitzige Krankenhausaktion mit falschen Identitäten, gestohlenen Klamotten, OP-Bereich und einem Portemonnaie, das natürlich genau irgendwie dort landet, wo man es am wenigsten gebrauchen kann: im Müll.
Überhaupt ist in Young Millionaires selten etwas einfach. Kaum ist ein Problem gelöst, wartet schon das nächste. Gangster wollen Geld, ein Hacker-Erpresser schickt mysteriöse Nachrichten und fordert seinen Anteil und plötzlich wird aus der Jagd nach dem Lottogewinn ein regelrechtes Überlebensspiel.
Besonders schön absurd ist dabei das „Game“ des Erpressers, das den Jugendlichen seriell-wiederholend immer neue Aufgaben stellt. Mal müssen sie etwas stehlen, mal einen geliebten Gegenstand ins Meer schmeißen. Die vier hetzen dadurch von einer Station zur nächsten … und haben praktisch keine Zeit, einmal darüber nachzudenken, was sie da eigentlich gerade veranstalten.
Dass das Ganze funktioniert, liegt auch an Marseille. Die Stadt ist sehr viel mehr ein bloßer Schauplatz. Da gibt es die spektakulären Bilder von Notre-Dame de la Garde und dem Vieux-Port, die mediterranes Flair ausstrahlen, aber gleichzeitig auch die zahlreichen Ecken mit Marseilles rauem Charme: die engen Straßen der Altstadt voller Graffiti, heruntergekommene Hinterhöfe und das Gangstermilieu. Die Serie zeigt Marseille damit exakt so, wie ihre Geschichte funktioniert: ein bisschen Postkartenidylle, ein bisschen shabby chic und immer die Möglichkeit, dass hinter der nächsten Ecke das nächste Desaster wartet.
Dazu dröhnt ständig Hip-Hop aus den Lautsprechern oder dem Off. Die Musik passt hervorragend zu den Jugendlichen, zu Marseille und zu diesem permanenten Gefühl von Bewegung. Selbst wenn gerade niemand verfolgt wird, hat man den Eindruck: Gleich passiert wieder irgendetwas.
Und meistens passiert es dann auch tatsächlich.
Young Millionaires will dabei gar nicht besonders tiefgründig sein. Die Serie erzählt nicht die große philosophische Geschichte darüber, was Geld mit jungen Menschen macht. Stattdessen setzt sie auf Tempo, unendlich viel Situationskomik, Action und eine gehörige Portion Klischees. Die Handlung ist manchmal so überdreht, dass man sich fragt, ob die vier überhaupt noch eine Chance haben, irgendwann einfach ganz normal ihren Lottoschein einzulösen bzw. an ihr Geld zu gelangen.
Das macht den Reiz aus. Der eigentliche Lottogewinn ist nämlich gar nicht das Ziel der Serie – der Weg dorthin ist das Abenteuer. Und dieser Weg führt durch Krankenhausbelüftungsschächte, abgebrannte Klassenzimmer, Partys, Villen, Gangsterabsteigen, Luxusyachten und eben die Straßen von Marseille.
Natürlich gibt es auch die üblichen Coming-of-Age-Baustellen: erste Liebe, Freundschaft, Eifersucht, Zukunftspläne und die Suche nach der eigenen Identität. Samias Traum von der Fußballkarriere bekommt einen Dämpfer, David und Jess müssen sich beide mit ihrer familiären Vergangenheit auseinandersetzen, während Léo feststellt, dass er für Samia vielleicht doch mehr empfindet als nur Freundschaft.
Und dann wäre da noch die etwas seltsame Victoire – beziehungsweise die Frage, wer Victoire eigentlich wirklich ist. Auch hier legt die Serie noch einmal ordentlich nach und verwandelt den ohnehin schon komplizierten Lottogewinn in ein Geflecht aus Geheimnissen, Überwachung und falschen Geschichten.
Young Millionaires ist also auf keinen Fall eine Serie für diejenigen, die tiefschürfende Gesellschaftskritik erwarten. Wer aber Lust auf acht Folgen leichtfüßiges Chaos, schräge Figuren (Léos Bruder Tom!!), Hip-Hop, Marseille-Flair und eine Handlung hat, die von einer absurden Situation direkt in die nächste stolpert, kann hier durchaus seinen Spaß haben.
Denn selten war ein Lottogewinn so anstrengend.
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